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Nobelpreisträgertreffen in Lindau

16.07.2026

Damals und heute – eine parteiische Betrachtung

„Es war einmal …“ – mit diesen Worten beginnen bekanntlich viele deutsche Märchen.

Vor 35 Jahren, im Jahr 1991, war ich erstmals Gast beim Nobelpreisträgertreffen in Lindau. Rückblickend erscheint es fast erstaunlich, wie unkompliziert damals der Kontakt zu den Laureatinnen und Laureaten war. Einige luden mich sogar auf einen Kaffee ein, nachdem ich sie um eine Signatur gebeten hatte.

Gerne erinnere ich mich an die faszinierenden Vorträge und die anschließenden Begegnungen – unter anderem mit dem Mathematiker und Wirtschaftsnobelpreisträger John Nash Jr., dem bangladeschischen Wirtschaftswissenschaftler, Pionier der Mikrofinanzierung und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus sowie dem Microsoft-Gründer Bill Gates. Auch die rund 250 weiteren Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger sowie Gäste, denen ich im Laufe der Jahre persönlich begegnen durfte, sind mir bis heute in guter Erinnerung geblieben.

Im Jahr 2026 zeigte sich dagegen ein völlig anderes Bild. Die Zugänge zum Tagungszentrum waren mit massiven Betonbarrieren und modernster Fahrzeug-Sperrtechnik gesichert. Sicherheitspersonal war allgegenwärtig. Bereits vor einigen Jahren wurde selbst der Gang zur Toilette von einer Begleitperson überwacht. Nun war weder Einlass noch Verlassen des Geländes möglich, ohne die Eintrittskarte elektronisch scannen zu lassen. Die weltweite Sicherheitslage hat sich seit den Terroranschlägen von 2001 und spätestens seit 2015 grundlegend verändert – mit entsprechenden Auswirkungen auch auf Veranstaltungen wie diese.

Dass sich in diesem Jahr mehr als 75 Laureatinnen und Laureaten aus den Bereichen Frieden, Physik und Medizin in Lindau versammelt haben, war zweifellos eine organisatorische Meisterleistung. Nach dem Jubiläumstreffen im Jahr 2000 bot sich erneut eine außergewöhnliche Gelegenheit für Sammler von Nobelpreisträgern, Persönlichkeiten zu begegnen, die sonst kaum oder gar nicht öffentlich auftreten. Für diese Möglichkeit bin ich persönlich sehr dankbar, auch wenn sie sicherlich nicht eigens für Menschen wie mich gedacht war.

Nur einen hätte ich besonders gern noch persönlich getroffen: den kanadischen Informatiker Geoffrey Hinton, der als einer der „Väter der Künstlichen Intelligenz“ gilt. Leider sagte er seine Teilnahme kurzfristig ab.

Allerdings haben sich auch die Gepflogenheiten vieler Laureatinnen und Laureaten verändert. Von zehn Nobelpreisträgern sind heute vielleicht noch fünf bereit, Fotos oder Karten zu signieren. Von ihren Begleitpersonen häufig angehalten, keine Autogramme zu geben, gehen manche wortlos an interessierten Besuchern vorbei. Das Kuratorium der Lindauer Nobelpreisträgertreffen verfolgt seit Jahren eine klare Linie: Autogrammsammler sind dort nicht erwünscht. Dabei wird kaum unterschieden zwischen ernsthaften und diskreten Sammlern einerseits sowie aufdringlichen oder fordernden Personen andererseits.

Natürlich wurden Autogrammwünsche auch früher gelegentlich abgelehnt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Physiker, der sich selbst als legitimen Nachfolger Albert Einsteins betrachtete. Auf meine Bitte um eine Unterschrift antwortete er lediglich: „Kauf lieber mein Buch“, bevor er den bereits gereichten Stift kurzerhand in eine Ecke warf.

Vermutlich haben Internetplattformen wie eBay und der Handel mit erst kürzlich eingeholten Nobelpreisträger-Autogrammen wesentlich dazu beigetragen, dass Veranstalter und Laureaten heute deutlich zurückhaltender reagieren.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass ausgerechnet ein Handschriftensammler maßgeblich dazu beigetragen hat, das historische Fotoarchiv der Lindauer Nobelpreisträgertreffen zu bewahren. Bekanntlich erwarb 1997 ein Autogrammsammler das Fotoarchiv des ersten Tagungsfotografen Oscar Spang aus Bregenz, katalogisierte und archivierte es in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit und übergab es schließlich 2008 dem Kuratorium der Lindauer Nobelpreisträgertreffen zum Selbstkostenpreis.

Für ernsthafte Sammler besteht der Wert einer Signatur nicht allein in einem flüchtigen Handzeichen oder einem kaum lesbaren Kürzel – wie man es etwa von manchen Spitzensportlern oder vielbeschäftigten Fußballprofis kennt –, sondern in einer individuellen Handschrift. Ebenso war es seit Jahrzehnten eine kreative Idee vieler Sammler,Nobelpreisträger nicht nur um eine Unterschrift, sondern zusätzlich um eine charakteristische Formel oder kleine Skizze ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu bitten. Möglicherweise diente gerade dieser Gedanke als Inspiration für den Bildband „Sketches of Science“ des Fotografen Volker Steger. Vielleicht ist auch dies ein Grund dafür, dass Sammler heute zunehmend auf Distanz gehalten werden.

Ob ich persönlich noch einmal nach Lindau reisen werde, ist aus verschiedenen Gründen fraglich. Die Veranstaltungen – insbesondere jene aus den früheren Jahren – werden mir jedoch stets in bester Erinnerung bleiben.

Abschließend möchte ich einer Person in Lindau herzlich danken, die ich bewusst nicht namentlich nennen möchte. Durch ihre Unterstützung hat sie mir über viele Jahre hinweg ermöglicht, meine Sammlung entscheidend zu vervollständigen.

Hans Schmid


v. o. n. u.: Jack W. Szostak, Robert C. Merton, Gregory Winter, Dan Shechtman, Edvard Moser, Richard R. Schrock, K. Barry Sharpless, Steven Chu, Morten Meldal, Rae McGrath FNP 1997 stellvertretend für die International Campaign to Ban Landmines (ICBL)

rechts: Prof. Katalin Karikò Nobelpreis 2023

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